[Ein Flügelschlag Berlin]

[Ein Flügelschlag Berlin]

Muttergefühle

Seit vier Tagen wusste sie nun, dass es tot war. Nicht genau vier Tage, etwas weniger sogar. Aber was bedeutet das, wenn sich alles ewig und zäh anfühlt? Seither hat sie es weder geschafft, sich zum Aufstehen aufzuraffen, noch zu duschen oder zu essen oder anzuziehen. Eingefroren. Die Welt eingefroren in dem Moment als es starb. Sie noch immer im gleichen gepunkteten Nachthemd, die Jalousien geschlossen – die Sonne und die Straßenlaternen leuchten rhythmisch abwechselnd hindurch – hell, dunkel, hell, dunkel..
Kaum jemand hatte angerufen und wenn doch, dann hatte sie nicht abgenommen. Sie war sich hin und wieder nicht sicher, ob sie überhaupt ein Klingeln gehört hatte oder ob es ihrer Einbildung entsprungen war. Auf dem Nachttisch stand ein Strauß Ranunkeln, die Köpfe gesenkt und ganz weich, wenn sie sie zwischen die Finger nahm. Sie welkten bereits. Jemand hatte sie dort zurückgelassen. Die Wände waren eiskalt und steril. Eine Spinne saß breitbeinig einige Zentimeter unter der Zimmerdecke. Sie hatte sich seit Tagen nicht bewegt. Womöglich war sie auch tot.
Durch das Fenster zog kalte Luft und fades Sonnenlicht ins Zimmer. Sie zog die Füße unter die weiße Decke. Sie konnte sie nicht mehr spüren. Wenn es Abend wurde, trank sie ein halbes Glas Tee und am Morgen darauf noch einmal. Sie tat es, um ihre Ruhe zu haben. In der Nacht schlief sie nicht. Sie stand auf und lief in den Fluren Schatten nach, die hinter der nächsten Ecke verschwanden. Ihre nackten Füße schlurften über den Boden. Sie war immer zu langsam und zu schwach. Bei Sonnenaufgang drehte sie das Gesicht wieder gegen die kalte Wand und versuchte zu verdrängen.

[August-J. Herbst]

[aufschauen & vorausschauen]

[aufschauen & vorausschauen]

Berlin-Ostkreuz, Freitagabend

Die Luft ist noch hitzig. Ein Vorhang öffnet sich. Die Sonne flirrt wie ein Scheinwerfer knapp durch die gusseisernen, schmuddeligen Säulen des Bahnhofs hindurch, die das schäbig schöne Dach tragen und bereits lange Schatten wie Figuren auf das Pflaster werfen.


Ein Pärchen schmeißt einige Groschen in einen Münzschlitz und krabbelt Kopf einziehend in die übelriechende Farbfotobox. Neckisch schieben sie sich in die richtige Postion und ziehen die Gardine zu. Ein älterer Herr mit Violine und einer schweren, ledernen Aktentasche lächelt ihnen schwelgerisch hinterher.

Der Zielanzeiger flattert. S3 nach Erkner.

Eine Mutter mit Wickeltuchsäugling watschelt auf ihren noch verschwollenen Wasserfüßen vom Ring herunter an einer Schulclique Mädchen vorbei, die albern vor sich hingackern, direkt auf eine der hölzernharten Wartebänke zu und erdrängelt sich einen Platz. Ein Mann mit Schnauzbart stöhnt in seine graue, abgegriffene S-Bahnzeitung. Nervös leckt er sich die Finger feucht und grabbelt weiter durch die Seiten. Sie warten – beobachten verschwörerisch einen Buben in ihrer Nähe. Die verfilzten, blonden Haare auf seinem Kopf erinnern an alte, zu dick geschnittene Pommes und bereiten ihr sichtlich Unbehagen.

Seine Wangen sind ganz bleich. Er knibbelt sich in den Hosentaschen herum, kaut auf seiner Lippe, wischt sich den Schweiß von der Stirn. Aus den Augenwinkeln hat er ihren aufdringlichen Blick bemerkt. Man spürt, dass er sich unwohl fühlt. Auch er wartet.

Erkner ist noch nicht da.

Am Gleis gegenüber stehen die Menschen dicht an dicht. Eine ältere Dame klemmt sich ihre Einkaufstüte zwischen die Beine, das Silbergrau ihrer Dauerwelle schillert im untergehenden Sonnenlicht. Der Herr mit der Geige wird aufmerksam, der schwelgende Blick wird zu einem träumerischen. Er macht diesen Augenblick zu ihrem Moment. Er setzt den rosshaarigen Bogen sanft an die zum Reißen gespannten Saiten. Sie fährt mit ihrer matten Hand über ihr Haar und richtet ihre konservative Frisur. Eine liebliche Melodie aus seiner Violine schleicht sich schmeichelnd an ihr Ohr. Damenhaft hebt sie das Kinn, streicht die Falten aus dem perfekten, purpurnen Kostüm, die Glasperlen an ihrem Dekolleté klingen flüsterleise aneinander, wenn sie den Hals nach ihm wendet. Er strahlt sie an. Sie räuspert sich genierlich und schlägt die Augen auf. Der Perlenglanz bricht sich darin. Er lässt die letzten Takte langsam ausklingen und applaudiert ihr mit einem Lächeln. Sie genießt das warme Gefühl der Scheinwerfer auf ihrer Haut.

Lichtenberg fährt ein und beendet ihren Auftritt abrupt. Fünf graue Täubchen fliegen aufgeschreckt davon und landen auf dem Dach einer ramschigen Würstchenbude. Ein dicker Junge mit kurzer Hose bestellt sich gerade eine fettige Currywurst.

Die Verkäuferin grinst und verschwindet hinter einem Regal prallvoll mit schillernden Keramikkatzen und staubigen Glaselefanten. Ein Lichtkegel fängt sie auf ihrer winzigen Bühne ein. Mit der Grazie einer adipösen Ballerina tanzt sie durch die drei Quadratmeter Verkaufsfläche, greift blind nach ihren Utensilien. Brutzelt, schnippelt und flatscht die Ingredienzien auf die Papppfanne. Hungrig reibt der Kleine sich mit seinen schmutzigen Fingerchen um den wässrigen Mund. Noch einmal dreht sie eine letzte Pirouette und wirft ein grünes Gäbelchen auf die in Ketschup ertrinkenden Fleischbrocken. Dann verneigt sie sich, blickt in die niedergehende Sonne und verlässt ihre Bühne. Es wird kühler.

Lichtenberg ist rappelvoll, das Signal tönt und ein Türke stemmt sich zwischen die Türen der Bahn. Sein Freund hüpft gerade so herein, es rummst und Lichtenberg fährt ab. Verschwindet irgendwo hinter Häusern und hinterlässt einen geleckten Bahnsteig im rosarot der sich verabschiedenden Sonne.

Erkner ist noch immer nicht da.

Die Gruppe Schulmädchen schreit laut auf. Der Scheinwerfer richtet sich umgehend auf ihr melodramatisches Schauspiel. Füße trippelnd und immer lauter plärrend zeigen sie mit Fingern und panischen Mienen auf den Eingang des Imbisses, aus dem soeben ein mehrbeiniges Tier mit einem langen, kahlen Schwanz flüchtet. Grazil umflitzt es den bonbonbäuchigen Currywurstbuben, dem erschrocken das Toastbrot von der Pappe rutscht, vorbei an der Bank – mit gerollter Zeitung schlägt der Schnauz nach dem Tier, verfehlt es, die verängstigte Mutter kriegt die wässrigen Beine nicht schnell genug hoch. Kurz stippt das Untier in den alsgleich kreischenden Fotoautomaten – es blitzt –, weicht knapp einer fallenden Aktentasche aus, und verschwindet mit einem waghalsigen Sprung im Gleisbett. Zwei oder dreimal knallt noch wütend eine Zeitung auf die Lehne einer Bank. Dann wird es wieder ruhig. Ein wenig Wind kommt auf.

Von ganz weit kann man Erkner im Gegenlicht der Sonne kommen sehen.

Der Herr sammelt seine Notenblätter vom Boden, die beim Aufprall aus der Tasche stoben. Die Mädchen wenden sich ab und quasseln wieder gackernd vor sich hin. Der kurzhosige Junge tritt etwas unwillig die Scheibe Weißbrot auf die Gleise. Sogleich schwirren die Tauben vom Dach dem fliegenden Futter hinterher und picken sich wie in Trance große Krümel aus dem schmutzigen Toast heraus. Er freut sich ein wenig über die hungrigen Vögel und spießt das letzte Stückchen Wurst auf seine Gabel und steckt es sich zwischen die verschmierten Ketschuplippen.

Erkner rauscht plötzlich unerwartet herein. Ein dumpfer Knall und vier Vögel, die in alle Richtungen entfliehen. Geschockt steht der kleine Mann mit der Wurst zwischen Zähnen seines offenen Mundes im grellen Licht des einsamen Spots, der nur auf ihn gerichtet ist und schaut perplex an die Stelle, an der sich noch eben fünf graue Täubchen das Abendessen friedlich mit ihm teilten.

Die Türen öffnen. Das Wickeltuch stemmt sich behäbig von der Bank. Der Pommeskopf und die Mädchen steigen ein. Der Schnauz ist längst in den Waggon gestürmt und hat sich einen Doppelsitz reserviert. Das Abfertigungssignal tönt aus dem knisternden Lautsprecher. Der Geiger schließt seine Tasche und macht seinen letzten dramatischen Abgang. Die Türen schließen sich und Erkner fährt ab.

Der Bahnsteig ist nun fast leer. Nur in der Imbissbude tänzelt noch immer die Ballerina und wischt den Staub von ihren glitzernden Keramikkatzen. Ein Fotostreifen fällt aus dem Schacht des Automaten. Vier Aufnahmen der selben verdutzten und aufgeschreckten Gesichter. Er küsst ihre Hand und sie steckt die Bilder ohne weitere Beachtung in ihre Handtasche, bevor sie die Treppen hinauf verschwinden.

Der Vorhang schließt sich langsam und die Sonne grinst ein letztes Mal aus weiter Ferne. Lange, rote Fäden ziehen sich vom Horizont bis auf die Gleise herab. Die Schatten der eisernen Säulenallee verschmelzen mit dem Rest der Dämmerung und die nun kühle Sommerluft wischt taktlos um die nackten Beine eines dicken Jungen, der weinerlich ins Gleisbett schaut.

[August-J. Herbst]

Berlin, Humboldthain

Mit etwas Eile laufe ich die Treppe hinunter, hinter einigen Türen rumort es. Es ist Nachmittag und langsam trudeln die Nachbarn wieder zuhause ein, beginnen zu saugen, zu putzen, zu kochen und den Fernseher aufzudrehen.

Vierunddreißig.
Die Haustür schließt sich und ich breche auf Richtung Humboldthain. Die Straßen sind voller Menschen und ihrer Autos. Es dröhnt, lärmt, es pocht im Kopf.

Zweitausendachthundertvierzehn.
Die knallvolle Straßenbahn läutet zur Abfahrt und zischt dann davon. Meine Beine bewegen sich, biegen in die nächste Seitenstraße ein und tragen mich nordwärts fort. Im Rücken stehen mir nun der Fernsehturm und eine laute Gruppe türkischer Jugendlicher. Zwei der Jungen starren mir nach, die anderen klicken und wischen auf ihren piepsenden Smartphones herum. Der Rhythmus meiner Schritte liefert den Hintergrund zu dem tragischen Chanson in meinen Ohren, das von dem Musikspieler in meiner Hosentasche klirrt. Rechts ziehen die Autos an mir vorbei, rasen und knattern abwärts Richtung Mitte und aufwärts zum Gesundbrunnen. Ein Stückchen weiter werkelt und hämmert ein Mann zwischen ein paar pflanzenlosen Blumenrabatten mit ölverschmierten Händen an zwei kopfstehenden Fahrrädern herum. Offensichtlich liefert das schäbigere der beiden dem weniger ramponierten Kette und Radschläuche als Ersatzteile. Ich schreite an ihm vorbei, er blickt kurz auf, doch sein Blick ist fern. Er ist ganz versunken in seiner Arbeit.

Dreitausendzweihundertsechzig.
Eine Frau schiebt ihren Einkaufswagen unter Ächzen über die Kreuzung auf meine Straßenseite, die Räder knallen über den Bordstein den Gehweg hinauf. Der Wagen ist prallvoll beladen mit Zentnern an Mehl, Zucker und Butter und Dutzenden Eiern. Sie will enorm viel Kuchen machen oder Waffeln, denke ich mir. Sie rückt sich ihr Kopftuch zurecht und schiebt die Ärmel zurück, hustet, dann ruckelt sie mitsamt ihres Wagens davon.

Dreitausendneunhundertzwölf.
Die Bäume auf den Wiesen rechts und links sind noch kahl, die Sonne prahlt schal durch die blätterlosen Zweige auf den erdigen Boden. Vereinzelt haben sich ein paar Menschen kleine Picknickdeckchen ausgebreitet. Eine junge Frau balanciert einbeinig und barfuß im Gras, die warmen Strahlen scheinen ihr ins zierliche Gesicht, das völlig harmonisiert ihr entspanntes Chi nach außen trägt. Der staubige Weg zwischen den Bäumen steigt sanft an und führt an einem kleinen, plätschernden Wasserlauf vorbei, über den mehrere Brücken gespannt sind. Am Rande unter einem hölzernen Pavillon auf einer Bank lächelt glücklich ein bärtiger Mann – auf seinem Schoß sitzt seine hübsche, lockige Freundin und küsst ihn. Ich schreite weiter.

Fünftausendvierhundertdreiunddreißig.
Vom Flakturm des Humboldthains sieht man über die ganze nördliche Stadt. Von Weißensee über Reinickendorf bis Tegel und von dort noch viel weiter über die westliche Stadt bis hin zum Grunewald und nach Schöneberg. Mehrere Flugzeuge kreisen am Himmel. Es ist menschenleer und luftig hier oben. Durch die Sicherheitsgitter fegt der Wind, der weite Stoff meines Hemdes flattert vor mir her. Am Zoo dreht sich ein Stern. Von den Kuppeln des Teufelsberges bis rüber zum Gasometer ist es diesig. Tiefschwarze Wolken ziehen heran. Wahrscheinlich wird es in der Nacht noch regnen. Es wird eh schon dunkel. Neben mir auf einem kleinen Podest wärmen sich zwei blonde Frauen Rücken an Rücken und knacken Sonnenblumenkerne. Die Spreu fliegt im Wind davon, segelt an den Betonwänden des Turmes hinab. Da unten zischen gerade zwei S-Bahnen aneinander vorbei. Einmal den Ring herum. Von hier oben ist Berlin winzig und anonym. Und es hält endlich mal die Gusche – es ist still.

Siebentausendeinundneunzig Schritte weit bin ich gelaufen und stehe nun wieder am Fuße und am südlichen Ende des Humboldthains. Ich blicke noch einmal kurz zurück – dann werf ich mich wieder in die laute Stadt.

[August-J. Herbst]