Berlin-Kreuzberg, Kottbusser Tor

Meine Augen suchen nach Glanz. Der spröde Beton auf dem ich stehe, die staubige Fassade der Häuser, die schmutzigen Dächer der Gemüsestände. Der Platz hat keine Ausstrahlung.
Ich schleiche mich in ein Treppenhaus. Ein Fahndungsbild eines gesuchten Totschlägers an der Wand. Oben ein Automatenkasino. Von der Terrasse aus sehe ich auf den bröckelnden Asphalt der Kreuzung unter mir. Taxis zischen vorbei, drinnen nur Menschen auf der Durchreise. Aussteigen möchte hier keiner. Drinnen in der Spielhalle blitzt es in Neonfarben. Kein Glanz, nur greller, künstlicher Blinkblink. Jemand beobachtet mich.
Der ganze Platz ist ummauert von tristen Hochbauten. Ihr Anstrich mosig und versmogt. Von den Tausend immer gleichen Balkonen glotzen graue Satellitenschüsseln auf die Straßen. Hier und da wackelt stumm eine Gardine. Die Fenster sind so verschmiert, dass man keine Reflexionen sieht.
Ein bärtiger Türke steckt den Kopf aus der Terrassentür, ruft mir zu, bietet mir Kaffee an. Mit Milch. Ohne Zucker, bitte. Mein Blick verfolgt ihn, als er wieder im Kasino verschwindet.
Die Stimme eines aufgebrachten Mannes schlägt unten polternd über den Platz. Ein paar jugendliche Mädchen bleiben erschrocken stehen, schauen ihm verständnislos und fragend hinterher. Man versteht ihn nicht – es ist zu laut. Die Ampeln springen von rot auf grün. Ein Lastwagen brettert um die Kurve, die Achse scheppert und quietscht. Er hupt, der Schreihals springt strauchelnd auf den Bürgersteig zurück. Jetzt versteh ich ihn. Derbe flucht er.
Mein Freund kehrt aus der Spielhalle zurück, auf einem Papptablett balanciert er Gebäck und den versprochenen Kaffee. Ich lege mein Schreibzeug beiseite.
»Is kalt heut, wa?! Mussdu heiß trinken, dass nix krank wirst.« Der Kuchen verschwindet schnell. Er ist gut. Der Kaffee ist nicht gut, aber warm. Wir genießen. Der Genuss bleibt teilweise in seinem Bart hängen. Dabei erzählt er von seiner Familie, von Heimat und vom Kotti.
»Erst trinken Kaffee, dann wir rauchen schön ein Zigarette. Das is Beste!« Er streicht sich die Krümel aus dem Gesicht. Diesmal rauchen wir nur, schwatzen wenig. Als er mein Notizheft bemerkt, scherzt er, ich solle eine Geschichte über ihn schreiben.
Vom Imbiss unter uns wehen triefende Fritten herauf, penetrant spritzen bildhaft Mayonnaise und Curryketschup fontänengleich in unsere Nasen. Es tropft, kleckert, schwappt aufs gute Wachstuch. Mir wird übel von der schlechten Luft hier oben. Es riecht nach Abgasen, Essen und Sinnlosigkeit.
Langsam wird es dunkel. Die schreienden Leuchtreklamen brutzeln schon. Ich gebe dem Alten meine Hand um mich zu verabschieden. Wir sehen uns wahrscheinlich nicht wieder. Ich dreh mich um. Die Stufen sind mit einem zerschlissenen, roten Teppich bedeckt. Ein Fahndungsbild ist von der Wand gefallen. Unten der staubige Platz, Menschen, die im Erdboden verschwinden, Autos, die vorbeihecheln. Diese Stimmung sollte auf Papier stehen. Ich blicke noch einmal nach oben auf die Terrasse. Dort steht er und winkt. Er lacht mir zu und irgendetwas glänzt golden hinter seinem dichten Bart hervor.

[August-J. Herbst]

  1. von statpoet gepostet