'Allein möchte ich mich nicht in den Schlaf wiegen. '
[August-J. Herbst]

Glaube

Wo sind wir?


Verbranntes Land
Trocken Boden
Öde Erde
Nichts als Sand!


Wie sind wir?


Es verdarb
Alles Leben –
Nirgends Wasser
Alles starb!


Wer sind wir?


Außer dir
Alles tot –
Kann nicht glauben
Bist bei mir!


Wir sind hier.

[August-J. Herbst]

Es wiederholt sich

Ein einsamer Junge.
Zittrig hockt er auf einem tiefen Tischchen.
Dient ihm als Sitz.
Es zieht. Das Fenster oben auf.
Die nackigen Füße obenauf, damit sie nicht kalt werden.
Vom Wind, der unsichtbar über den Boden schwemmt.
Er trägt nur seine Unterwäsche. Gerade erst aufgestanden.
Noch Sand in den Augenwinkeln, noch Schlaf, der überall an ihm hängt.
Er gähnt. Schüttelt sich. Der Wind, der Wind.
Zieht über seinen schmalen Rücken hinab.
Gerade noch hat Sonne durch den Vorhang geblitzt.
Wieder vorbei. Nur eine Stippvisite.
Vor ihm ein Brief. Er schreibt. Sein Brief.
Ein Brief an ihn. An Ihn.
Ihm schreibt er.
Er schreibt, dass er ihm fehle.
Dass er allein sei. Nackt auf seinem Nachttisch hocke.
Der Wind, der kalte Wind.
Ihm durch seine aufgestellten Härchen wehe.
Dass er friere, dass er gewärmt werden wolle.
Der Schlaf hinge noch in ihm und er wolle ihn hinausgähnen.
Sonne, gerade habe die Sonne seinen Rücken gestreichelt.
Nun wieder der eisige Wind, der durchs offene Fenster komme.
Sich über den Boden ergieße.
Seine Füße habe er aus der Flut gezogen.
Er vermisse ihn. Nur Ihn.
Das schreibt er. Hockt noch immer auf seinem Tischchen.
Nichts hat sich verändert.
Nur ein paar Zeilen mehr liegen vor ihm.
Brief an einen Toten.
Ein einsamer Junge.

[August-J. Herbst]

Muttergefühle

Seit vier Tagen wusste sie nun, dass es tot war. Nicht genau vier Tage, etwas weniger sogar. Aber was bedeutet das, wenn sich alles ewig und zäh anfühlt? Seither hat sie es weder geschafft, sich zum Aufstehen aufzuraffen, noch zu duschen oder zu essen oder anzuziehen. Eingefroren. Die Welt eingefroren in dem Moment als es starb. Sie noch immer im gleichen gepunkteten Nachthemd, die Jalousien geschlossen – die Sonne und die Straßenlaternen leuchten rhythmisch abwechselnd hindurch – hell, dunkel, hell, dunkel..
Kaum jemand hatte angerufen und wenn doch, dann hatte sie nicht abgenommen. Sie war sich hin und wieder nicht sicher, ob sie überhaupt ein Klingeln gehört hatte oder ob es ihrer Einbildung entsprungen war. Auf dem Nachttisch stand ein Strauß Ranunkeln, die Köpfe gesenkt und ganz weich, wenn sie sie zwischen die Finger nahm. Sie welkten bereits. Jemand hatte sie dort zurückgelassen. Die Wände waren eiskalt und steril. Eine Spinne saß breitbeinig einige Zentimeter unter der Zimmerdecke. Sie hatte sich seit Tagen nicht bewegt. Womöglich war sie auch tot.
Durch das Fenster zog kalte Luft und fades Sonnenlicht ins Zimmer. Sie zog die Füße unter die weiße Decke. Sie konnte sie nicht mehr spüren. Wenn es Abend wurde, trank sie ein halbes Glas Tee und am Morgen darauf noch einmal. Sie tat es, um ihre Ruhe zu haben. In der Nacht schlief sie nicht. Sie stand auf und lief in den Fluren Schatten nach, die hinter der nächsten Ecke verschwanden. Ihre nackten Füße schlurften über den Boden. Sie war immer zu langsam und zu schwach. Bei Sonnenaufgang drehte sie das Gesicht wieder gegen die kalte Wand und versuchte zu verdrängen.

[August-J. Herbst]