Berlin, Humboldthain

Mit etwas Eile laufe ich die Treppe hinunter, hinter einigen Türen rumort es. Es ist Nachmittag und langsam trudeln die Nachbarn wieder zuhause ein, beginnen zu saugen, zu putzen, zu kochen und den Fernseher aufzudrehen.

Vierunddreißig.
Die Haustür schließt sich und ich breche auf Richtung Humboldthain. Die Straßen sind voller Menschen und ihrer Autos. Es dröhnt, lärmt, es pocht im Kopf.

Zweitausendachthundertvierzehn.
Die knallvolle Straßenbahn läutet zur Abfahrt und zischt dann davon. Meine Beine bewegen sich, biegen in die nächste Seitenstraße ein und tragen mich nordwärts fort. Im Rücken stehen mir nun der Fernsehturm und eine laute Gruppe türkischer Jugendlicher. Zwei der Jungen starren mir nach, die anderen klicken und wischen auf ihren piepsenden Smartphones herum. Der Rhythmus meiner Schritte liefert den Hintergrund zu dem tragischen Chanson in meinen Ohren, das von dem Musikspieler in meiner Hosentasche klirrt. Rechts ziehen die Autos an mir vorbei, rasen und knattern abwärts Richtung Mitte und aufwärts zum Gesundbrunnen. Ein Stückchen weiter werkelt und hämmert ein Mann zwischen ein paar pflanzenlosen Blumenrabatten mit ölverschmierten Händen an zwei kopfstehenden Fahrrädern herum. Offensichtlich liefert das schäbigere der beiden dem weniger ramponierten Kette und Radschläuche als Ersatzteile. Ich schreite an ihm vorbei, er blickt kurz auf, doch sein Blick ist fern. Er ist ganz versunken in seiner Arbeit.

Dreitausendzweihundertsechzig.
Eine Frau schiebt ihren Einkaufswagen unter Ächzen über die Kreuzung auf meine Straßenseite, die Räder knallen über den Bordstein den Gehweg hinauf. Der Wagen ist prallvoll beladen mit Zentnern an Mehl, Zucker und Butter und Dutzenden Eiern. Sie will enorm viel Kuchen machen oder Waffeln, denke ich mir. Sie rückt sich ihr Kopftuch zurecht und schiebt die Ärmel zurück, hustet, dann ruckelt sie mitsamt ihres Wagens davon.

Dreitausendneunhundertzwölf.
Die Bäume auf den Wiesen rechts und links sind noch kahl, die Sonne prahlt schal durch die blätterlosen Zweige auf den erdigen Boden. Vereinzelt haben sich ein paar Menschen kleine Picknickdeckchen ausgebreitet. Eine junge Frau balanciert einbeinig und barfuß im Gras, die warmen Strahlen scheinen ihr ins zierliche Gesicht, das völlig harmonisiert ihr entspanntes Chi nach außen trägt. Der staubige Weg zwischen den Bäumen steigt sanft an und führt an einem kleinen, plätschernden Wasserlauf vorbei, über den mehrere Brücken gespannt sind. Am Rande unter einem hölzernen Pavillon auf einer Bank lächelt glücklich ein bärtiger Mann – auf seinem Schoß sitzt seine hübsche, lockige Freundin und küsst ihn. Ich schreite weiter.

Fünftausendvierhundertdreiunddreißig.
Vom Flakturm des Humboldthains sieht man über die ganze nördliche Stadt. Von Weißensee über Reinickendorf bis Tegel und von dort noch viel weiter über die westliche Stadt bis hin zum Grunewald und nach Schöneberg. Mehrere Flugzeuge kreisen am Himmel. Es ist menschenleer und luftig hier oben. Durch die Sicherheitsgitter fegt der Wind, der weite Stoff meines Hemdes flattert vor mir her. Am Zoo dreht sich ein Stern. Von den Kuppeln des Teufelsberges bis rüber zum Gasometer ist es diesig. Tiefschwarze Wolken ziehen heran. Wahrscheinlich wird es in der Nacht noch regnen. Es wird eh schon dunkel. Neben mir auf einem kleinen Podest wärmen sich zwei blonde Frauen Rücken an Rücken und knacken Sonnenblumenkerne. Die Spreu fliegt im Wind davon, segelt an den Betonwänden des Turmes hinab. Da unten zischen gerade zwei S-Bahnen aneinander vorbei. Einmal den Ring herum. Von hier oben ist Berlin winzig und anonym. Und es hält endlich mal die Gusche – es ist still.

Siebentausendeinundneunzig Schritte weit bin ich gelaufen und stehe nun wieder am Fuße und am südlichen Ende des Humboldthains. Ich blicke noch einmal kurz zurück – dann werf ich mich wieder in die laute Stadt.

[August-J. Herbst]