Berlin-Mitte, Frühlingsanfang am Spreeufer

Knirschknackend springt der Kies erschrocken vor zu schnell fahrenden Reifen davon. Sie gehören zu einem Fahrrad, welches in einer hundertfachen Gesellschaft an der Uferpromenade entlangflitzt. Es brennt vom Himmel her, alles ist in seidig-cremiges Zitron getaucht. Klänge von quasselnden Menschen, gerade aufgeweckten Gitarren, von rauschenden Booten schwirren über die Liegewiese, lassen sich schaukeln von den Wellen der Spree und prallen dann auf die steinernen, starren Berliner Museumsmauern. Ein flüsterleises Echo stemmt sich dem Schwall entgegen und verebbt bevor es das diesseitige Ufer wieder erreicht.

Die Stadt bezirzt: Sie zwitschert und tänzelt, sie flirrt und summt, sie brütet Blüten aus. Was im Winter mit steifgefrorenen Gliedern hinterm Ofen unter Decken, stets mit bibbernden Lippen und Missmut in den Augen sich Tag wie Nacht dem Gesicht der Welt entzogen hatte, das bricht stark, energetisch und spontan aus seinen Knospen. Grün entblättern sich bald die Bäume und Sträucher. Filigrane Blumen entfalten sich in Fülle und Form vielfältig, verwandeln die Straßen der Stadt in farbenfreudige Fantasien.

Die Wiese ist voller junger und alter Menschen, alle mit einem Ausdruck von Erlösung und Erleichterung im Gesicht. Der Geruch von frischen Gefühlen und Krapfen dampft unsichtbar über das Gras. Manchen verführt er, lässt ihn den Kopf drehen und nach Münzgeld kramen. Der Tag scheint keine Zeit zu haben, ewig könnte jeder, die Kälte des Winters abschüttelnd einfach sitzen bleiben. Wie eifrige Kirchgänger marschieren immer wieder neue Menschen heran, die wärmende, anbrechende Jahreszeit zu loben. Einige lassen ihre Glasflaschen klingeln, stoßen an und begrüßen herzlich den Lenz.

[August-J. Herbst]

[Oberbaumepos]

[Oberbaumepos]

[Ein Flügelschlag Berlin]

[Ein Flügelschlag Berlin]